Endspiel zwischen Gut und Böse

Rezension: Franz Schmidt: "Das Buch mit sieben Siegeln"

Aufführung von Franz Schmidts monumentales Oratorium „Das Buch mit sieben Siegeln" war als Auftakt zum Würzburger Kulturthema „Apokalypse" zu hören.

Würzburg - „Apokalypse-Weissagung, Verdammnis, Erlösung" hieß das Motto für das Kulturthema, unter das sich Bamberg zur Jahrtausendwende gestellt hatte. Dafür gab es damals abseits irgendwelcher apokalyptischer Endzeitvisionen einen triftigen Grund: die berühmte „Bamberger Apokalypse", die mittlerweile längst zum Weltdo-kumentenerbe der UNESCO erhoben wurde.

Eine Dekade später zieht nun die Stadt Würzburg mit demselben Thema nach und hat sich dafür gleich den ganzen Zeitraum zwischen Februar und November 2010 reserviert. „Endspiel" lautet das griffige und vielen Assoziationen freien Raum lassende Motto des Würzburger Apokalypse-Projektes, was einleuchtend ist, denn natürlich geht es in der Offenbarung des Johannes letztlich um das prekäre Finale zwischen gut und böse. Dahinter versteckt sich ein ebenso ambitioniertes wie üppiges Programm, das mit zahlreichen Konzerten, Vorträgen, Ausstellungen, Tagungen und Filmreiheh aufwartet.

Dass man in Mainfranken die Bamberger Apokalypse zunächst vergaß, sie aber nun nachträglich zeigen wird, sei am Rande vermerkt. Zum Auftakt erklang in der prächtigen Neubaukirche jene singulare Vertonung des Apokalypse-Textes, die aufgrund ihres riesigen Aufwandes seinerzeit in Bamberg leider nicht geboten werden konnte: Franz Schmidts ausgreifendes Oratorium „Das Buch mit sieben Siegeln" aus den Jahren 1935-37.

Ausführende waren der renommierte Monteverdichor und die Mainphilharmonie Würzburg unter der Leitung von Matthias Beckert. Der junge Dirigent, übrigens einst Absolvent des Bamberger E.T.A.-Hoffmann-Gymnasiums, hat seinen Chor zu einem sehr homogenen, mit vielen frischen Stimmen ausgestatteten Ensemble geformt, bei dem sich die vollkommene Beherrschung der (schwierigen!) musikalischen Ansprüche, vorbildliche Intonationssicherheit und ausdrucksvolle Textdeklamation glücklich zu einem Gesamteindruck addieren, der überdies noch von einer bemerkenswerten Souveränität des Auftritts ergänzt wird. Selten erhält man auf der Zuhörerseite so intensiv das Gefühl vermittelt, einbezogen zu werden. Das galt nicht minder für die beiden wichtigsten Vokalsolisten, den Tenor Luca Martin als eindringlichen Gestalter der Johannes-Partie und den Bassisten Albrecht Pohl, der als feierliche „Stimme des Herrn" im Schlussgesang besonders zu beeindrucken wusste.

Eine vertrackte Orgelpartie, hochvirtuos von Michael Bottenhorn beigesteuert, mischt sich in eine anspruchsvolle Streicherpartitur und heikelste Chorpassagen, für deren Bewältigung eigentlich mindestens semiprofessionelle Qualitäten gefragt sind. Wenn zum Beispiel beim sechsten Siegel die musikalischen Lautmalereien des Erdbebens nachlassen, münden dessen aquatische Folgen in ein gewaltiges Dies irae und eine Chorfuge, über deren sangestechnische Ansprüche nur geraunt wird.

Diese Musik kann nur von einem versierten Dirigenten domestiziert werden, zumal es auch orchestertechnisch höchst anspruchsvoll zugeht und eine Klangbalance nicht immer leicht zu finden ist. Matthias Beckert, bei dem sich alle Ausführenden sichtbar gut aufgehoben fühlten, gelang es in allen Belangen, die immensen Anforderungen der Partitur zu meistern. Er steigerte das Auftauchen des blutroten Reiters (zweites Siegel) zu einer lärmenden, alles zermalmenden Rhythmus-Orgie und wartete im Schlusschor mit einer beklemmenden Apotheose auf. Stets ließ sich spüren, dass hier ein musikalischer Leiter wirkte, der das Werk auch geistig durchdrungen hat.


    


Autor: Martin Köhl